Ein Lockdown durchs Hintertürchen
  06.12.2021 •     Handball Allgemein

Ausgebremst. Weil nach der neuen Coronaverordnung für Amateursportler am Wochenende die 2-G-Plus-Regel gegolten hätte, waren die Sportstätten verwaist. (Foto: Susanne Degel)

Mit ihren am späten Freitagabend kurzfristig übermittelten Regularien zur Coronakrise hat die Politik dem Amateursport in weiten Teilen für den Spielbetrieb am Wochenende den Stecker gezogen: kein Fußball, kein Handball, kein Tischtennis, nur ein bisschen Basketball und ein bisschen Volleyball. Die Kritik an der Basis ist groß.

Mit der Verordnung, Amateursport nur noch zuzulassen, wenn auch die Sportler selbst die 2-G-Plus-Regel beachten, hat die Landesregierung am vergangenen Freitag Verbände und Vereine gleichermaßen überrascht. In der Folge kam es am späten Abend zu kurzfristigen Verbandsentscheidungen. So hat der Württembergische Fußballverband seine Teams vorzeitig in die Winterpause geschickt, der Tischtennisverband Württemberg-Hohenzollern hat den Spielbetrieb bis auf Weiteres unterbrochen, bei den Handballern und Volleyballern wurden zunächst nur die Spiele am vergangenen Wochenende ausgesetzt. Wie haben die Betroffenen darauf reagiert? Wir haben einige Stimmen gesammelt.

Patrick Künzer, Vorsitzender des Fußballbezirks Rems/Murr: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Entscheidung, die Saison auszusetzen, sicher gut. Zum einen gab es immer mehr Einwände von Vereinen, dass gespielt wird. Zum anderen ist es natürlich moralisch nicht zu vertreten, dass bei den Coronatoten weiter gekickt wird. Einen Bärendienst erweist uns Amateuren allerdings der Profifußball. Es wäre ein gutes Signal gewesen, wenn in den Bundesligen wenigstens vor leeren Rängen gespielt würde. Dann hätte auch der Amateurfußballer weniger Probleme damit, dass er nicht mehr spielen darf. Zumal es durchaus Vereine gibt, die sich über die Aussetzung beschweren. Aber man kann es nie allen recht machen. Man sollte aber auch nicht jede Entscheidung unendlich hinterfragen. Ich hoffe, dass der Spielbetrieb Ende Februar weitergeht. Wobei sich natürlich dann die Frage nach dem Wie stellt.“

Klaus Hinderer, Vorsitzender des Handballbezirks Rems-Stuttgart „Die Entscheidung, den Spielbetrieb am Wochenende auszusetzen, kam am Freitagabend wirklich sehr überraschend. Damit hatte keiner gerechnet. Das ist eine komische Geschichte und eine ganz ungute Situation. Der Unmut ist in vielen Vereinen groß – vor allen bei denen, die einen Heimspieltag gehabt hätten und nun auf ihren bestellen Waren sitzen bleiben. Aber beim Verband hat man angenommen, dass die zusätzliche Testung der Spieler wohl nicht zu schaffen gewesen wäre. Es heißt ja, dass es keinen Lockdown im Sport mehr geben wird, jetzt macht man das halt über diverse Hintertürchen. Wobei natürlich offen ist, ob nächstes Wochenende nicht doch wieder gespielt wird. Ich denke, dass von der Politik noch Nachbesserungen kommen.“

Wolfgang Bürkle, Handball-Abteilungsleiter des TSV Schmiden: „Die Entscheidung, dass der Spielbetrieb am Wochenende ausgesetzt wird, ist schon sehr, sehr kurzfristig gefallen. Wir sind völlig überrumpelt worden; mein Puls ging deutlich nach oben. Zum Glück konnten wir beim Metzger und Bäcker unsere Bestellungen für den Heimspieltag noch stornieren. Ich kann nicht verstehen, dass man so etwas am späten Freitagabend entscheidet und es die Vereine dann sofort umsetzen sollen. Da hätte man auch bis Montag warten können. Noch besser wäre freilich gewesen, wenn die Verbandsverantwortlichen im Vorfeld bei den Vereinen abgefragt hätten, ob der Spielbetrieb mit der 2-G-Plus-Regel zu stemmen wäre. Dass diese auch für Spieler kommen wird, hat man sich denken können. Ich bin gespannt, wie es jetzt weitergeht. Das weiß ja keiner. Der Verband muss am Montag eine Entscheidung treffen und nicht erst im Laufe der Woche.“

Ioannis Tsapakidis, Trainer und Sportlicher Leiter bei den Verbandsliga-Fußballern des SV Fellbach: „Ich habe erst am Freitagabend in einem Schreiben vom Württembergischen Fußballverband mitbekommen, dass die Saison unterbrochen wird. Ich verstehe nicht, dass wir, auch wenn für die Spieler die 2-G-Plus-Regel gilt, nicht spielen dürfen. Es wäre für uns kein Problem gewesen, die Spieler zu testen, vor dem Training tun wir das ja auch. Außerdem ging es hier ja nur um zwei Wochen, zwei Spieltage, dann wären wir so oder so in der Winterpause. Aber manche Teams sind eben geschwächt oder haben nicht viele geimpfte Spieler, denen kommt diese Entscheidung recht. Meine Spieler waren enttäuscht, sie hätten am Sonntag gern gespielt in Crailsheim. Nachdem wir die Meldung am Freitag im Training bekommen hatten, haben wir noch eine Stunde länger trainiert. Wir mussten dann auch die Busse für die Auswärtsfahrt und das Essen absagen. Es ist für uns ärgerlich, weil sich das Team endlich gefunden hat und auch die physischen Grundlagen stimmen. Wir werden uns jetzt am Dienstag noch einmal zum Training treffen und dann am 17. Januar mit der Vorbereitung auf die Rückrunde beginnen. Ich hoffe, dass bin dahin alles geregelt ist und alle ihre Hausaufgaben machen. Ich nehme es trotz allem locker, aber ich wünsche mir, dass wir in Crailsheim dann nicht werktags spielen müssen. Für mich hat es jetzt auch etwas Gutes: Ich habe vor Weihnachten mehr Zeit für meine Familie.“

Andreas Tsiminos, Abteilungsleiter bei den Basketballern des SV Fellbach: „Wir haben den großen Vorteil, dass wir mit dem Sonderstatus in der Regionalliga aus dem vergangenen Jahr schon Erfahrungen in dieser Situation gesammelt haben. Wir haben ein Hygienekonzept erstellt, damit die bezahlten Spieler, die nur wegen Basketball zu uns kommen, auch wirklich trainieren und spielen können. Wir haben uns am Samstag gefreut zu spielen und hatten uns auch darauf eingestellt, dass aufgrund der 2-G-Plus-Regel weniger Zuschauer kommen. Die Teststationen waren komplett überfüllt, weil die Leute das Plus bekommen wollen. Da wir in der Regionalliga in drei Bundesländern spielen (Baden-Württemberg, Hessen, Saarland; Anmerkung der Redaktion), gilt für die Spieler die 2-G-Regel. Aber ich habe mich mit den Verantwortlichen des TV Langen im Vorfeld geeinigt, auch bei den Sportlern einen Schnelltest zu machen. Ich gehe davon aus, dass es bei der Regelung bleibt und die Vereine sich einigen müssen, ob sie den organisatorischen Aufwand rechtfertigen können. Wir haben seit Beginn des Jahres gekämpft mit Hygienekonzepten, und ich erwarte von den Verantwortlichen, dass sie auch mal eine eindeutige Entscheidung treffen.“

Alexandra Berger, Trainerin und Spielerin bei den Volleyballern des SV Fellbach: „Ich als Sportlerin bin hin- und hergerissen, was die aktuelle Situation angeht. Auf der einen Seite steht die Verantwortung gegenüber den älteren und kranken Menschen. Auf der anderen Seite steht selbstverständlich der Wunsch nach etwas Normalität, wenn man sich an alle Vorgaben hält. Und über allem steht immer wieder die Frage: Ist es egoistisch, wenn ich in dieser Situation meinen Sport ausüben möchte? Eine sehr schwierige Situation für alle Sportler und Verantwortliche in Vereinen und Verbänden.

erstellt von Fellbacher Zeitung (Susanne Degel und Maximilian Hamm)

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